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Mut, Mindset und eine wichtige Message

„Schaut immer nach vorne – auch wenn ihr schon die Endstation seht“

Sein halbes Leben hat Keylen (17) gegen den Krebs gekämpft. Beginnend mit der Diagnose Leukämie an seinem 6. Geburtstag begann eine Reise voller Mut, Hoffnung und Rückschlägen. Und jetzt? Die Krebszellen haben seine Knochenstruktur angegriffen, Tumore wachsen an der Wirbelsäule und im Gehirn, die Schulmedizin hat ihre Grenzen erreicht. „Endstation“, sagt Keylen.

Der Jugendliche Keylen im Rollstuhl auf der Terrasse vor seinem Zimmer im Kinder- und Jugendhospiz Löwenherz.

Die Nacht war anstrengend. Die Schmerzen, man sieht sie Keylen an. Er könnte jetzt auch einfach nichts machen, auf dem Handy daddeln, zocken, im Bett liegen bleiben. Aber Keylen hat andere Pläne für seine Zeit bei Löwenherz. Er möchte informieren, aufklären, über seine Erfahrungen sprechen und anderen jungen Menschen die Angst vor einem Kinder- und Jugendhospiz nehmen. Deswegen hat er zum Interview eingeladen.

Warum ist es Dir so wichtig, über Deine Krankheit und Deine Situation in der Öffentlichkeit zu sprechen?
„Es ist ja kein Geheimnis, dass auch immer mehr Kinder und Jugendliche an Krebs erkranken. Und die wissen – genau wie ich – zunächst auch nicht, wohin mit ihren Gefühlen, was sie damit anzufangen haben, wie das alles ist und werden soll. Ich habe Chemo und andere Therapien schon durch und kann aus bester Erfahrung sagen, wie das ist, wenn man so erkrankt ist.“

Wie hast Du gelernt, mit deiner Erkrankung umzugehen?
Mit 13 Jahren habe ich meine zweite Krebs-Diagnose bekommen. Die hat mich richtig niedergestreckt und ich hatte keinen Bock mehr. Solche Gedanken treten auf, wenn man so krank ist – und das ist auch verständlich. Gedanken wie: ‚Am liebsten wäre ich nicht mehr da‘, die kommen natürlich. Aber die sind nicht gut. Ich habe mit den Jahren gelernt, damit umzugehen. Diese negativen Gedanken zu verdrängen. Ich versuche jetzt, anders zu denken und frage mich: Was kann ich heute machen?“

„Man muss nur den Mut haben, dann geht fast alles.“

Ist es nicht total schwierig, einfach „anders zu denken“?
Ja, voll. Auch ich hatte irgendwann aufgehört, positiv zu denken. Weil ich ja wusste, es wird eh nicht besser. Aber was bringt es, da irgendwie großartig hinter etwas her zu weinen oder Depressionen zu schieben? Das ist Zeitverschwendung. Und diese negative Energie, da man da in sich aufnimmt, die nutzt der Krebs, um sich noch mehr auszubreiten und Schaden auszurichten. Deswegen sollte man, wenn man so krank ist wie ich, so positiv wie nur möglich denken. Auch wenn es sehr oft schwerfällt.“

Du hast jetzt ein Zimmer im Kinder- und Jugendhospiz Löwenherz. Wie sind deine Eindrücke?
Am Anfang habe ich gesagt, ich werde niemals in ein Hospiz oder in ein Krankenhaus gehen. Ich werde zu Hause sterben. Als es dann immer schlimmer mit meiner Erkrankung wurde und es zu Hause nicht mehr auszuhalten war, bin ich doch ins Löwenherz gekommen. Und ja, ich hatte Angst davor. Ich hatte mir vorgestellt, dass es wie im Krankenhaus wird, dass ich mich wie eingesperrt fühle, ohne Freiheiten. Aber so ist es überhaupt nicht.“

„Für andere Kinder und Jugendliche mache ich meinen Hospiz-Blog-Kanal auf Instagram und TikTok.“

Was gefällt Dir besonders?
„Es ist wie meine eigene, kleine Wohnung. Ich kann mein Zimmer einrichten, wie ich möchte, habe mein eigenes Badezimmer und kann auch mein eigenes Ding machen. Und wenn ich Hilfe oder Betreuung brauche, bekomme ich die von der Pflege. Man muss nur den Mut haben, die Leute hier im Kinder- und Jugendhospiz Löwenherz anzusprechen, dann geht fast alles. Das ist meine Erfahrung. Wir machen auch Ausflüge, manchmal geht es zu McDonalds – niemand ist hier eingesperrt oder isoliert.“

Ist das auch der Grund, warum Du auf Social Media über Deine Zeit bei Löwenherz berichtest?
„Ja, dafür mache meinen Hospiz-Blog-Kanal auf Instagram und TikTok. Damit andere Kinder und Jugendliche sehen können, wie es hier wirklich ist. Es ist nicht wie im Krankenhaus. Die Leute hier sind viel gechillter und auf einer Wellenlänge. Das möchte ich anderen Jugendlichen mitgeben. Auch denen, die ‚nur‘ für Entlastungsaufenthalte zu Löwenherz kommen.“

Wie sieht es mit Besuch von Freunden und Familie aus?
„Meine Mutter und meine Schwestern haben im 1. Stock ein eigenes Zimmer. So können wir auch gemeinsame Zeit als Familie haben. Gestern haben wir zum Beispiel gemeinsam die Feuerschale im Garten angeschmissen. Besuch bekomme ich eigentlich täglich, deswegen ist mein Tag auch immer voll.“

„Ihr lebt jeden Tag. Ihr sterbt nur einmal.“

Du hast also eine gute Zeit bei Löwenherz?
„Auf jeden Fall. Man muss einfach ein bisschen kreativ sein und sein Köpfchen anschalten. Beschäftigung fällt nicht einfach vom Himmel, die muss man sich suchen. Klar, zu Hause ist immer besser, aber es ist nicht so, dass ich mich hier unwohl fühle.“

Was ist Deine Message an alle Menschen, die dieses Interview lesen?
„Lasst nie den Kopf hängen. Egal, in welcher Lebenssituation ihr seid. Es heißt immer, man lebt nur einmal. Aber das ist eine Lüge. Ihr lebt jeden Tag. Ihr sterbt nur einmal. Macht jeden Tag zu einem Abenteuer, startet neue Projekte, lest ein Buch, probiert Sachen aus. Sonst wird es langweilig. Egal, wie es euch geht: Schaut immer nach vorne – auch wenn ihr schon die Endstation seht.“

Lars Kattner, Pressereferent im Kinderhospiz Löwenherz

Ein Beitrag von

Lars Kattner

Pressereferent

Schreibt auf, was Menschen zu sagen haben und trägt so die Anliegen der Kinderhospizarbeit in die Welt.

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